Herausforderung Cloud und Crowd: Digitale Arbeitswelten der Zukunft erfolgreich gestalten

Dokumentation der zweiten Konferenz des Projektes „Herausforderung Cloud und Crowd“ vom 25. April 2018 in Frankfurt am Main

Wie werden wir in Zukunft arbeiten? Und wie können wir die digitale Arbeitswelt im Sinne „Guter Arbeit“ so gestalten, dass neue Technologien und Konzepte für die Organisation von Arbeit nicht zum Risiko für den Menschen werden, sondern die Chancen der Digitalisierung im Sinne der Menschen genutzt werden können? Hierüber diskutierten am 25. April 2018 im Rahmen der zweiten Konferenz des BMBF-Verbundprojektes „Herausforderung Cloud und Crowd“ über 100 Teilnehmende aus Unternehmen, Gewerkschaften und Wissenschaft.

Der Fokus der Veranstaltung, die von der Universität Kassel in Kooperation mit der IG Metall und ver.di koordiniert wurde und in Frankfurt bei der IG Metall zu Gast war, lag auf dem Thema „Crowdwork“. Crowdwork ändere nicht nur das Verhältnis zu Arbeit, sondern auch traditionelle Organisationsstrukturen, betonte Erik Mertens vom Projektträger Karlsruhe (PTKA) in seinem Grußwort. Christiane Benner, Zweite Vorsitzende der IG Metall, warb zum Auftakt der Konferenz dafür, die Möglichkeiten der Digitalisierung für eine Humanisierung der Arbeitswelt zu nutzen. Prof. Dr. Jan Marco Leimeister, Leiter des Fachgebiets Wirtschaftsinformatik der Universität Kassel, stellte die neuesten Forschungsergebnisse zum Thema Crowdworking-Plattformen vor. Ein hochrangig besetztes Podium beleuchtete die Chancen und Risiken von Crowdwork. Und mit ihren Keynotes warfen Anna Kopp, Head of IT Microsoft Deutschland und Regional Office Lead Munich HQ, und Prof. Melissa Valentine, PhD, Co-Director des Center for Work,Technology and Organization (WTO) an der Universität Stanford, zwei spannende Schlaglichter auf die neuen Trends der Arbeitswelt.

Die zentralen Ergebnisse der Konferenz dokumentieren wir hier.

Programm

Gute digitale Arbeit ist möglich

Christiane Benner, Zweite Vorsitzende der IG Metall

Die IG Metall setzt auf eine aktive und dialogorientierte Gestaltung von Crowdwork. Der „Code of Conduct“, eine Selbstverpflichtung von Plattformen zur Einhaltung von nationalen Lohnstandards, und eine Ombudsstelle zur Schlichtung von Konflikten auf Plattformen sind für Benner Beispiele für einen konstruktiven Dialog der IG Metall mit den Plattformbetreibern. Digitalisierung dürfe den Sozialstaat nicht gefährden, betonte die Gewerkschafterin. Hierfür brauche es auch politische Lösungen: Neue Weichenstellungen für die Sozialversicherung, eine Weiterentwicklung des Arbeitnehmerbegriffs, das Recht für Soloselbstständige, kollektive Vereinbarungen schließen zu können, und Regeln zur Ausgestaltung der Allgemeinen Geschäftsbedingungen der Plattformen.

Crowdworking-Plattformen als innovative Dienstleistungssysteme: Vorteile nutzen, Nachteile minimieren

Prof. Dr. Jan Marco Leimeister, Leiter des Fachgebiets Wirtschaftsinformatik und Direktor des Wissenschaftlichen Zentrums für IT-Gestaltung der Universität Kassel

Die Effekte von digitaler Erwerbsarbeit in Form von Crowdwork auf den Menschen, die Organisationen und die Gesellschaft stehen im Fokus der Forschungen von Jan Marco Leimeister und seinem Team. Die Experten haben Plattformarten, Tätigkeiten sowie Charakteristika und Spielarten von Crowdwork analysiert. Sie sehen Chancen in einer besseren, flexibleren, kostengünstigeren und vor allem schnelleren Leistungserbringung. Aber auch Risiken, weil Crowdwork die Gefahr berge, in kleinteilige, schlechtbezahlte „tayloristische“ Arbeit zurück zu fallen, die Mechanismen des Sozial- und Steuersystems zu konterkarieren und ein Machtungleichgewicht zu Lasten der Crowdworker zu erzeugen. Für Jan Marco Leimeister gilt es vor diesem Hintergrund, faire Bezahlung zu sichern, einen Interessenausgleich zu schaffen sowie die Möglichkeit, unter Mitnahme der eigenen Profildaten die Plattform zu wechseln.

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Podiumsdiskussion: Chancen und Risiken von Arbeit über Crowdworking-Plattformen

Teilnehmer an der Podiumsdiskussion ( von links nach rechts):

Mirjam Pütz, Managing Director, Chief Digital Office Deutsche Bank
Christiane Benner, Zweite Vorsitzende der IG Metall
Prof. Dr. Jan Marco Leimeister, Leiter des Fachgebiets Wirtschaftsinformatik und Direktor des Wissenschaftlichen Zentrums für IT-Gestaltung der Universität Kassel
Monika Brandl, Vorsitzende Gewerkschaftsrat Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft ver.di
Bastian Unterberg, Chief Executive Officer Crowdworking-Plattform Jovoto

Wie können die Akteure so zusammenarbeiten, dass auch auf Crowdworking-Plattformen „Gute Arbeit“ möglich ist? Dieser Frage stellte sich ein hochrangig besetztes Podium. Im Zentrum der Diskussion stand eine Abwägung der Chancen und Risiken von Crowdwork. Diese Form der Arbeitsorganisation birgt Chancen, weil sie die Freiheit bietet, Aufgaben selbst zu wählen sowie zeitlich und räumlich flexibel zu arbeiten, den Zugriff auf einen großen Pool an Kreativen weltweit erlaubt und eine innovative Arbeitsumgebung für die Talente von heute bildet. Risiken bestehen, weil Crowdwork arbeitsrechtlich nicht abgesichert ist und die Gefahr von Lohndumping birgt, die Plattformen mehr Macht haben als die Crowdworker, Auftraggeber wie Unternehmen keine direkte Beziehung zu ihren Auftragnehmern haben und Crowdworker oft nicht hinreichend darüber aufgeklärt sind, was diese Form von Erwerbsarbeit  in der Praxis bedeutet.

Workshops zu Good Practices: “Cloud und Crowd in der Praxis”

Der Forschungsvorhaben „Herausforderung Cloud und Crowd“ wird von einem interdisziplinären Verbund getragen, der im Rahmen von interaktiven Workshops die Folgen der Digitalisierung für die Arbeitswelt aus der Perspektive von Unternehmen, Plattformen und Crowdworkern in den Blick genommen hat. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer konnten sich mit den Referentinnen und Referenten zu den Themen „Agilität als Herausforderung für Beschäftigte, Führung und Mitbestimmung“, „Crowdworking-Plattformen im Spannungsfeld zwischen Wertschöpfung und Verantwortung“ und zur Frage „Wie lassen sich Plattformen erfolgreich für Online-Arbeit nutzen“ austauschen, zentrale Handlungsfelder identifizieren und sich so aktiv an der Gestaltung von Crowdwork beteiligen.

Keynote “Auswirkungen der Digitalisierung auf die Arbeitswelt”

Anna Kopp, Head of IT Microsoft Deutschland und Regional Office Lead Munich HQ

Menschen, Arbeitsorte und Technologien sind für Anna Kopp die zentralen Stellschrauben für den Wandel der Arbeitswelt. Neue Tools, effizientere Methoden und Prozesse sowie eine attraktive Arbeitsplatzgestaltung seien dabei kein Selbstzweck, sondern schafften die Rahmenbedingungen für gute Arbeitsergebnisse und könnten sich damit positiv auf die Motivation der Beschäftigten auswirken. Unternehmen müssten die „Richtigen“ finden, nicht die „Besten“ und sich auf die digitale Transformation ausrichten. Dabei seien fachliche und soziale Kompetenzen genauso wichtig wie digitale. Zentrale Themen auf dem Weg in die digitale Arbeitswelt sind bei Microsoft „Vertrauensarbeitszeit“ und „Vertrauensarbeitsort“. Bei der Gestaltung der Arbeitswelt der Zukunft müssten Unternehmen den von Generation zu Generation unterschiedlichen Arbeitsstilen gerecht werden und einen Kulturwandel herbei führen.

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Keynote “Crowdsourcing Complex Work”

Prof. Melissa Valentine, PhD, Co-Director des Center for Work,Technology and Organization (WTO), Universität Stanford

Mittels eines offenen Internet-Aufrufs qualifizierte Menschen zusammen bringen, die wie eine moderne Organisation handeln und ein komplexes Projekt übernehmen, in dessen Verlauf Rollen, Aufgaben und Akteure sich mit neuen Erfordernissen schnell verändern können: Das ist die Idee von „Flash Organisations“. Melissa Valentine hat mit ihrem Forschungsteam eine Crowdsourcing-Architektur entwickelt, die anders als Plattformen für sogenannte Microtasks, nicht präspezifiziert ist, sondern rekonfigurierbar und damit adaptierbar an den jeweils aktuellen Projektstand. Ihr Crowdsourcing-Modell haben die Forscher im Rahmen von drei Feldstudien erfolgreich getestet: Alle „Prototypen“ haben ihr Projekt binnen sechs Wochen erfolgreich umgesetzt und waren in der Lage, neue Akteure binnen 14 Minuten zu rekrutieren.

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